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Das Streichinstrument für den Solisten...
...muß nicht unbedingt teuer sein

Copyright© 1978 by Dr. Joh. G. Pfeiffer, Augsburg

Musikliebhaber, Musikkenner und Musikkritiker werden meist nicht spontan in der Lage sein zu erkennen, ob sie gerade ein gutes, modernes Streichinstrument oder eine alte, wertvolle Cremonenser hören. Trotzdem erscheint meistens auf den gedruckten Programmen ein Hinweis, daß der Geiger auf diesem oder jenem altehrwürdigen Instrument aus dem Jahre soundsoviel spielt, was wohl sagen soll, daß der Künstler besonders deshalb einen so schönen Ton hervorbringt. Der durchschnittliche Musikliebhaber wird natürlich auf den Gedanken kommen, daß der Virtuose mit einem weniger ehrwürdigen Instrument wohl kaum in der Lage gewesen wäre, so gut zu spielen und zu klingen.
2. Dieser Irrglaube ist leider weit verbreitet und hat durch eine Art Massensuggestion unter den Streichern den Run nach alten Instrumenten ausgelöst. Nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage kommen allmählich auch die antiquierten Erzeugnisse der damals weniger bekannten Geigenbauer unverhältnismäßig zu Rang und Ehren.
3. Die angehenden jungen Virtuosen -- also alle, die es zu etwas bringen wollen -- halten frühzeitig Ausschau nach Streichinstrument-Antiquitäten, wobei die propagandistisch angeheizte Vorstellung herrscht, daß diejenigen Instrumente, für die Höchstpreise verlangt werden, wohl auch die besten sein müssen.
4. Der Altgeigenhandel ist natürlich interessiert, daß dieser Glaube wach bleibt, weil er damit gut, ja übertrieben gut ins Geschäft kommt. Andererseits haben die Künstler, die im Besitz solcher Antiquitäten sind, ebenfalls ein großes Interesse, daß der Preis des Instruments, für das sie meist unter großen finanziellen Entbehrungen womöglich ein Vermögen aufgewendet haben, eher steigt als fällt. So wird von den Anbietenden (Handel) und Besitzenden (Geiger u. Sammler) ein Circulus vitiosus in Gang gehalten, der die jungen Musiker mit hineinzieht in den Wahn: ,,Ein altes Instrument ist besser".
5. Gewiß haben ein paar hundert Geigen, Bratschen und Cellos neben dem Altertumswert noch einen hohen Gebrauchswert. Daneben gibt es aber zahlreiche alte Instrumente, die für den Konzertsaal nicht mehr befriedigend leistungsfähig sind und dennoch von manchen Geigern der Spitzenklasse gespielt werden. Das ist nur so zu erklären, daß diese Altertümer am 15 cm entfernten Ohr des Virtuosen sehr gut ankommen. Der Künstler aber kann nie der beste Kritiker seines Instruments sein. Ein objektives Urteil über den Ton einer Geige ist sehr schwer zu fällen, da Wahrnehmungsschwankungen des Spielers und des hörenden Publikums ganz enorm sind. Gehörqualitäten und Geschmack sind nicht objektiv faßbar und von Mensch zu Mensch sehr verschieden. Was dem Solisten an seiner alten Geige gefällt, ist der womöglich leicht auslösbare weiche Ton, der im Konzertsaal vom Publikum eher als zart und süßlich und oft von nicht gerade großer Intensität empfunden wird. Die Illusion des Künstlers, daß ein Instrument, das am eigenen Ohr gut ankommt, auch einen kollektiven Genuß beim Publikum erzielt, ist weit verbreitet. Der weiche, charmante italienische Ton, den der Virtuose am eigenen Öhr oder über das verstärkende Mikrophon hört, klingt im Saal zuweilen dünn, süßlich und steht im völligen Widerspruch zu den modernen übrigen Instrumenten (z. B. Bläser). Dennoch glauben einige Solisten aus Prestigegründen die wertvolle ,,Alte" vorzeigen zu müssen ohne zu merken, daß sie im Konzertsaal nicht mehr genügend hergibt. Der sog. ,,italienische Ton" allein macht's eben nicht.
6. Die jahrhundertealten Geigen wurden zur Zeit ihrer Entstehung als neue Instrumente gespielt und hatten damals logischerweise eine Klangfarbe wie ein heutiges gutes neues Instrument. Geigenvirtuosen der damaligen Zeit, die hohe Berühmtheit erlangten, waren z. B. Monteverdi, Tartini, Vivaldi usw. Sie alle begeisterten das Publikum mit ihren guten neuen Geigen. Daß Holz im Laufe von Jahrhunderten in seiner Elastizität und damit in seiner Schwingungsfähigkeit nachläßt, ist wissenschaftlich erwiesen. Nicht zuletzt deshalb mußte es auf dem Wiederherstellungssektor zu einer Reparaturfreudigkeit kommen, wie man sie bei den Altgeigenbauern niemals antraf. Die Bemühungen, Altgeigen (durch Einsetzen von Futtern und neuen Baßbalken etc.) wieder zum Klingen zu bringen, führten dazu, daß kaum mehr ein originales altes Instrument auf dem Markt zu finden ist. Das Hochfrisieren alter Instrumente ist allmählich zu einem neuen Geschäftszweig herangewachsen, den es früher nicht gab. Die ehrwürdigen alten Meister befaßten sich kaum mit Reparaturen. Hatte ein Instrument einen Schaden, boten sie dem Kunden vernünftigerweise ein neues an. Jedenfalls hatten sie kein Verständnis dafür, ein verunglücktes Instrument mit umfangreichem Flickwerk am Leben zu erhalten. Es muß einen schon sehr wundern, daß ausgerechnet der stärkste Teil der Geige, nämlich der Baßbalken, es sein soll, der altersschwach wird, und nicht auch das übrige Holz. Es gibt zahlreiche alte hochgepäppelte Geigen bedeutender Meister, deren Innenleben voller Operationsnarben ist, aber trotzdem noch im Preis hoch gehandelt werden. Das Besitzrisiko solcher Instrumente ist, daß sie leicht zerbrechen können. Unbefangenheit im Urteilsvermögen scheinen nur noch wenige Streicher zu besitzen.
7. Die Tatsache, daß ein altes Instrument zuweilen eine Spur leichter anspricht als ein neues, beruht darauf daß das altersschwache, in der Elastizität herabgesetzte Holz den Stegschwingungen keinen besonderen Widerstand mehr entgegensetzt und daher bei leichtestem Bogendruck vibriert. Das ist günstig bei Pianospiel. Beim Forte sind einem solchen Instrument allerdings bald enge Grenzen gesetzt. Man kann es nicht so ,,hernehmen" wie ein neues, das eine festere Hand braucht. Ein gutes neues Streichinstrument verträgt jede Art von Bogentechnik.
8. Schallplatten, die mit alten, ehrwürdigen Instrumenten solistisch bespielt sind, stellen vielfach eine glatte Fälschung dar. Man braucht den Virtuosen nur sehr nahe am Mikrophon zu postieren, und schon hat man erreicht, daß die alte Geige über das Orchester ,,strahlt". Der Hörer ist dann leicht geneigt, das optimale Hervortreten des Instruments seiner altehrwürdigen Herkunft zuzurechnen.
9. Das krankhafte Herumdoktern an alten Instrumenten hat zu der Erkenntnis geführt, daß einem solchen meist dadurch geholfen werden kann, daß ihm alle zehn bis 20 Jahre ein neuer Baßbalken eingesetzt wird. Es widerspricht allerdings jeglicher Logik zu glauben, daß im Musikdasein einer Geige immer nur der Baßbalken müde und erneuerungsbedürftig wird und nie das Decken- und Bodenholz.
10. Geigentöne sind gedämpfte Schwingungen. Die Dämpfung muß ausgewogen sein. Wenn ,,müdes" Decken- und Bodenholz zu einer entsprechenden Idealdämpfung nicht mehr in der Lage ist (und vibriert ähnlich, wie wenn einer auf dem Klavier dauernd aufs Pedal drückt), so ist ein neuer Baßbalken sehr wohl imstande, hier Abhilfe zu schaffen. Der neue Balken verkürzt die zu lange Nachschwingung auf den Idealwert, der dünne piepsige Klang wird wieder voller, und der Bogendruck kann jetzt kräftiger ausgeführt werden.

11. (Anmerkung: Viele Geigenbauer setzen auch in neue Geigen einen übertrieben kräftigen Baßbalken ein. Das halte ich für falsch da ja das Decken- und Bodenholz allein schon einen genügenden Elastizitätsmodul besitzt und daher einen kraftvollen Bogenstrich verträgt. Bei neuen Geigen bewirkt ein zu starker Baßbalken eine nicht erwünschte weitere Dämpfung der Schwingungen. Es ist sehr schwierig den schmalen Grat zu finden zwischen den beiden Schädlichkeiten: zu starke Dämpfung auf der einen Seite oder aus der Kontrolle geratene Entdämpfung auf der anderen Seite).

12. Eine neue Geige erzeugt den normalen warmen Holzton, wenn sie von der Holzseite her richtig gearbeitet ist. Die Ansprechbarkeit wird von Anfang an befriedigend sein und durch intensives Einspielen infolge Entdämpfungseffekts immer besser werden. Daher kann man sagen, daß im Gegensatz zu einem alten Instrument ein neues entwicklungsfähig ist. (Neuerdings kann dieser Entdämpfungsvorgang durch eine Vibrationsbehandlung wesentlich verkürzt werden. Gerhard Alfred von Reumont hat diese Vibrationsentdämpfungs - behandlung, wie er sie nennt, mit guten Erfolgen praktiziert. Auch der Verfasser selbst kann durch eigene Versuche die damit zu erzielenden guten Resultate bestätigen. Vermerkt muß allerdings werden, daß bei einem falsch angelegten Instrument keine Wunder zu erzielen sind.)
13. Das Timbre wechselt von Geige zu Geige. Einen wirklich idealen Geigenton gibt es nicht. Jede Geige hat eine für sie spezifische Klangfarbe, ähnlich wie jeder Mensch seine spezifische Sprache hat. Es ist Sache des persönlichen Geschmacks, welche Färbung des Tones den Hörer mehr anspricht. Mir scheint, daß künftighin weniger der zarte, sanfte, sehr weiche Geigenton, wie er den alten Italienern heute anhaftet, gefragt sein wird, als vielmehr ein sonorer celloähnlicher Ton mit einem dunkleren Timbre und großem Klangvolumen. Das vielfach übertrieben weiche Solisteninstrument wird eines Tages nicht mehr gefragt sein. Ein warmer, natürlich-herber Holzton ist nur einem neueren Instrument zu entlocken.
14. Ein gutes Instrument ist für die Tonvorstellungen des Virtuosen natürlich fundamental wichtig. Es hilft ihm, seine Tonintentionen zu verwirklichen. Nur das allein ist es, was dem Solisten so hilfreich entgegenkommt. Die künstlerische Tongestaltung allerdings ist seine ureigenste Sache. Ein hervorragender Virtuose bringt auf den verschiedensten Instrumenten -- ob neu oder alt -- immer den für ihn spezifischen Geigenton zustande. Hinter'm Vorhang gespielt, ist meist nicht das Instrument wohl aber immer der gerade spielende Geiger zu erkennen.
15. Es gibt kaum ein Gebiet über das soviel haarsträubender, pseudowissenschaftlicher Unsinn geschrieben wurde wie über Streichinstrumente. Dabei wird dem alten und uralten Instrument ein Stellenwert eingeräumt, den nur wenige Spitzeninstrumente verdienen. Wenn man die umfangreichen Beschreibungen über Altgeigen liest, dann sind diese voll des Lobes über den Lack, die f-Löcher, die Einlagen, die Schnecke usw. usw. Nur über die Schwingungseigenschaften und über das Timbre des Instruments wird kaum etwas Genaueres gesagt. Dabei ist der Ton für den Solisten das Entscheidende, und nicht der Antiquitätswert, der gegenüber dem Gebrauchswert diametral verschieden sein kann. Die sichtbaren Eigenschaften alter Instrumente bedeuten für einen heutigen Geigenbauer überhaupt keine Schwierigkeitsgrade. Die alten Schöpfer des 16. Jahrhunderts und die neuen des 20. Jahrhunderts haben alle ungefähr gleichermaßen gearbeitet, manchmal exakter, manchmal flüchtiger. Die heutige Qualität des Zusammenbaus dürfte sich gegenüber der damaligen durchschnittlich um eine bis drei Stufen verbessert haben. Die Mehrzahl alter Meistergeigen würden bei einem heutigen Geigenwettbewerb wegen technischer Mängel durchfallen.
16. Das wirklich Schwierige beim Geigenbau sind die Ermittlung der Holzstärken, die Abstimmung von Boden und Decke, der richtige Zuschnitt und allem voran die Wahl des Holzes und vieles andere, was dem Instrument äußerlich nicht anzusehen ist. Gutes handwerkliches Können ist zur Erreichung eines schönen äußeren Erscheinungsbildes zwar wichtig, genügt aber nicht zur Erzeugung einer guten Tonqualität. Exakte Ausführung und gutes Tonholz sind noch kein Garant für eine erstklassige Solistengeige. Es gibt unter den heutigen Geigenbauern Künstlerpersönlichkeiten, die sehr wohl imstande sind mindestens den alten Italienern ebenbürtige Instrumente herzustellen, wobei der Ton vom damaligen Neubauton nicht verschieden sein kann. Der Begriff ,,Meistergeige" ist irreführend. Man verbindet damit automatisch die Vorstellung, es handle sich um ein besonders hochwertiges Klanginstrument. Leider gibt es eine unübersehbare Menge solcher Erzeugnisse, die tatsächlich von alten oder neuen Meistern gefertigt wurden, die aber trotzdem als Konzert- und Solisteninstrument wegen mangelnder Ton-qualität nicht in Frage kommen.
17. Ein nicht auszurottender Aberglaube ist auch die Forderung, altes, möglichst uraltes Holz für den Geigenbau zu verwenden. Daß abgelagertes, trockenes und zur Ruhe gekommenes Holz besser ist als frisch gefälltes, ist natürlich eine Binsenwahrheit. Darüber hinaus aber 100 und mehr Jahre altes Holz als Idealmaterial für den Geigenbau zu betrachten, ist durch nichts belegbar. Holz als organisches Bauwerk altert. Auch neues, etwa zehn Jahre abgelagertes Holz hat, wenn man die Jahresringe zählt, schon ein ganz ansehnliches Alter ,,auf dem Buckel".
18. Moderne Geigen, aus gesundem abgelagerten Holz gefertigt, haben den typisch warmen lebendigen Klang des nicht gealterten Holzes. Sie sind nicht ,,süßlich", verlangen, solange sie nicht eingespielt sind, vielleicht einen unmerklich größeren Kraftaufwand im Spiel, erzeugen aber dafür einen unverfälschten, frischen männlichen Holzton mit breiter Palette. Leider ist einem heutigen Virtuosen folgendes Exempel nicht mehr zu demonstrieren: Würde ihm nämlich eine neue Guarneri-del-Gesu-Geige, so wie sie damals frisch aus der Werkstätte des Meisters kam, überreicht, er würde sich wahrscheinlich von ihr abwenden. Diese Instrumente waren angeblich alle viel zu stark im Holz und deshalb schwer ansprechbar. Sie wurden Jahrzehnte später weiter ausgearbeitet, manche verbessert, andere wiederum total ruiniert. Der Vandalismus kannte keine Grenzen. Der Geigenhändler Cozio di Salabue hatte diesen Ausbesserem allerdings höchstes Lob gezollt. Instrumente, die sich vor dieser ,,Verdünnungsaktion" retten konnten, verlangten vom Geiger womöglich eine kräftigere Bogentechnik (Cozio). Werden Baueigenschaften, die für den Ton wesentlich sind (z. B. Holzstärken) von zweiter Hand verändert, so ist das Instrument nicht mehr als Original des ursprünglichen Herstellers zu betrachten. Eine ausgeschabte Guarnen del Gesu ist folglich keine Guarneri del Gesu mehr. Die Toneigenschaften haben sich grundlegend verändert. Auf keinem anderen Kunstsektor sind so schwere entstellende Eingriffe geschehen. Man muß sich wundern, daß diese wertmindernden Verfälschungen an der Preisentwicklung total vorbeigegangen sind.
19. Herbert von Karajan soll einmal geäußert haben, daß die höchst vollkommene Berliner Philharmonie nur noch dadurch gesteigert werden könnte, wenn jedem Streicher eine Stradivan oder Guarnen del Gesu gestellt werden könnte. Da dies nicht möglich ist, macht der Verfasser den Vorschlag, es sollte jeder Streicher ein gutes neues Instrument ver suchsweise spielen. Der Verfasser ist überzeugt, daß dieser Versuch ein vollkommen neues Klangerleben brächte!
20. Da der moderne Geigenbauer keine 200 bis 300 Jahre alten Geigen herstellen kann, ist es müßig, über Qualitätsunterschiede zu debattieren. Sicher allerdings ist, daß die damalige Klangqualität der Spitzeninstrumente derjenigen der heutigen Spitzengeigen vergleichbar ist. Trotzdem nehmen die meisten Solisten keine Notiz von Neubauten (vielleicht sind sie ihnen zu billig, weil nur das Teure zählt). Wenn diese Einstellung so fortdauert, wäre die heutige Geigenbauergeneration dazu verurteilt, Instrumente für einen Zeitraum nach 100 oder 200 Jahren zu bauen. Es wird aber unweigerlich die Zeit kommen, in der sich die Professionellen mit neuen Instrumenten befassen müssen, und zwar in dem Maße, wie sich der Tongeschmack ändert. Wer sich mit vielen Konzertbesuchern unterhält, kann heute schon zuweilen heraushören, daß ein Zwei-Stunden-Solokonzert auf einer warmen, weichen, süßen und oft schwächlichen Altitaliener eine Belastung bedeutet. Es ist nicht zu begreifen, warum der Solist nicht wenigstens -- je nach dem gespielten Stück -- zwischen alt und neu abwechselt.
21. Was mich an den alten, ehrwürdigen Cremonensern am meisten irritiert, ist die Tatsache, daß sie alle umgebaut wurden und ihre Originalität dadurch verloren haben. Besonders die Guarneri del Gesu ist in den wesentlichen Teilen nicht mehr ein Instrument Guarneris. Was im Laufe von Jahrhunderten an Fälschungen, Betrügereien, Zertifikatsskandalen passiert ist, müßte eigentlich einen jeden Käufer davon abhalten, sich ein übertrieben teures Instrument anzuschaffen. Einem Zertifikat zu trauen ist immer ein Risiko. Entscheidend beim Kauf sollten allein der gute Ton, die leichte Ansprechbarkeit und ein gefälliges Aussehen sein und ein Preis, der nicht noch zusätzlich mit einem Antiquitätenwertanteil vervielfacht ist. Mit echten Antiquitäten reist man nicht durch die Lande, wenn es bewiesenermaßen möglich ist, mit guten Instrumenten ohne zusätzlichen Antiquitätswert dieselbe künstlerische Leistung hervorzubringen.
22. Nicht alle Cremonenser waren zu Lebzeiten der Meister gesuchte Instrumente. Del-Gesu-Geigen wurden 50 Jahre später durch Paganini bekannt und gefragt. Die vielleicht schwerere Ansprechbarkeit und der damit verbundene größere Kraftaufwand scheint Paganini, falls er die Geige im Originalzustand erhielt, nicht gestört zu haben. Der männlich-sonore Klang und das Volumen waren ihm wichtiger.
23. Geigenvirtuosen wie Monteverdi, Corelli, Tartini, Vivaldi, Veracini, Pugnani, Viotti spielten alle auf neuen Geigen mit einer Tonqualität, wie sie eben neue damalige Geigen besaßen und heutige besitzen. Daher ist es falsch und irreführend, wenn Kammerorchester neuestens versuchen, durch Benutzung alter Instrumente dem Publikum den Eindruck des Klanges alter Meisterwerke zu vermitteln. Solche Orchester müßten im Gegenteil neue Instrumente gebrauchen, um dem damaligen Klangbild am nahesten zu kommen. Wenn ich von neuen Geigen spreche, dann meine ich Instrumente, die in der jetzigen Generation gebaut wurden (bis 50 Jahre alt). Demgemäß hat auch Paganini eine verhältnismäßig neue Geige gespielt.
24. Meist ist der Hörer unfähig, eine Stradivan oder Guarneri von einer guten neuen Geige zu unterscheiden. Wiederholt ist es bei Vergleichsspielen schon passiert, daß er glaubte, eine Stradivari zu hören, während in Wirklichkeit die ,,Neue" gespielt wurde. Der Künstler kann zwar entscheiden, welches Instrument ihm besser in der Hand liegt bzw. welches seinen Ton- und Gestaltungsabsichten am leichtesten entgegenkommt. Die Wirkung auf das Publikum aber entzieht sich seiner Feststellung.
25. Da sich bei guten Geigen -- auch Bratschen und Cellos -- die Qualitäts - unterschiede des Tones nur in Nuancen kundtun, ist es unverständlich, warum manche Geiger mit 500000-DM-Objekten in der Welt umherfahren, während sie mit einem 3000- bis 10000-DM-Instrument denselben künstlerischen Effekt erzielen könnten. Das Unterscheidungsvermögen auch des geschultesten Publikums ist nicht in der Lage, bei sehr guten Instrumenten alter und neuer Herkunft mit Sicherheit Unterschiede im Tonwert, wohl aber in der Tragfähigkeit festzustellen. Das Hochjubeln alter Geigen und das vernichtende Aburteilen neuer fällt in das Gebiet des Aberglaubens und der Mystik.
26. Ein gutes, neues, von aller Süßlichkeit entkleidetes Streichinstrument nimmt von Jahr zu Jahr in der Tonqualität zu, während das alte ganz allmählich der Altersschwäche anheimfällt, wobei Stützungsoperationen auch nicht mehr weiterhelfen. Alte Geigen reagieren empfindlicher auf Temperatur- und Feuchtigkeitsunterschiede, sie sind anfälliger, man muß sie behandeln und umsorgen wie Greise. Überfordert man sie, können sie ,,sterben". Es besteht kein Zweifel, daß alte Instrumente im Schnitt ganz gewaltig überbewertet sind. Unsere Geigergeneration wird zuweilen systematisch vom preisdiktierenden Geigenhandel und Geigensnob geschröpft. Das gilt natürlich nicht für alle Händler. Sollte sich im Publikum der Geschmack an einem gesunden neuen Holzton durchsetzen, was eines Tages gewiß der Fall sein wird, dann würden alte Geigen als Antiquitäten zwar weitergehandelt, allerdings zu beträchtlich herabgesetzten Preisen. Für einen Solisten kann eine Geige nur bei hervorragendem Klang etwas ,,wert sein", alles andere darumherum ist Makulatur.
27. Beim Suchen nach dem frischen, gesunden neuen Holzton wird der Konzertvirtuose und Solist heute Instrumente finden können, die alles haben: Zartheit, starken Ton, Kraft, gute Ansprechbarkeit. Das Aufpäppeln alter Veteranen wird ein Ende haben.

28. Beim Kauf sollte nie impulsiv zugegriffen werden. Eine Erprobungszeit von ein bis zwei Monaten wäre hilfreich. In eine Geige kann man sich langsam oder schnell verlieben. Liebe auf den ersten Blick könnte für den Geigenenthusiasten die richtige Wahl bedeuten oder eine Enttäuschung werden. Deshalb prüfe wer sich ewig bindet!

29. Wer aber glaubt, nur mit einer alten Geige glücklich werden zu können, muß eine ganz besonders große Vorsicht walten lassen. Von 100 Geigen sind mindestens 90 sog. Kopien, deren Hersteller völlig unbekannte ,,Schachtelmacher" waren. Die Verbeugung vor italienisch klingenden Namen geht bereits ins Groteske, wenn man bedenkt, daß ca. 200000 Geigen in Italien gebaut wurden, die meisten davon in völlig unbekannten Werkstätten. Es sei nochmals vermerkt: Nicht die äußere Schönheit, die Form und der Glanz des Lackes sprechen für die Güte einer Geige (das gilt auch für die alten Meister), sondern der äußerlich nicht sichtbare Zusammenbau und die im Verhältnis zu den Jahresringen gewählten Holzstärken und die Verteilung derselben. Ein als noch so echt angepriesenes altes Werk ist für den Virtuosen wertlos, wenn es im Klang nicht hundertprozentig ist. Das eigene Gehör ist für die Entscheidung nicht immer ausreichend. Der weiche, zarte Klang kann durchaus noch am eigenen Ohr höchst befriedigend sein, obwohl das Decken- und Bodenholz schon anfängt, altersschwach zu werden.
30. Ein Geiger, der sich mit seiner Geige verschmolzen fühlt, weil sie ihm alles gibt, was er von ihr erwartet, kann allerdings ruhig schlafen, falls er sie preiswert, ohne Antiquitätenaufschlag erworben hat. Die Echtheit des Zettels oder des Zertifikats kann ihn gleichgültig lassen. Bei neuen Geigen allerdings spielen solche Überlegungen keine Rolle, da ihm sein Geigenbauer ja persönlich bekannt ist. Wie gesagt, ein Solist, der sich mit seinem Instrument glücklich und zufrieden fühlt, weil es ihm alle Eigenschaften bietet, die man von einem guten Instrument erwartet (gute Ansprache, tragenden, sonoren, ausgewogenen Ton auf allen Saiten, schönen Klang), sollte nicht aus Prestigegründen einer teuren Antiquität nachjagen, die ihm wahrscheinlich doch nicht mehr bringt als die Sorge um die Erhaltung des Wertes. Eine historische Geige ist mit Ausnahmen kaum mehr eine gute Kapitalanlage.
31. Nicht jede Geige paßt zu jedem Geiger, und nicht jedes hervorragende Instrument klingt bei jedem Virtuosen gleich gut. Es scheint bei den Geigen wie mit den Frauen zu sein: man muß diejenige finden, die zu einem paßt. Daß Geigen auch Launen haben können (besonders alte), ist bekannt. Jeder Virtuose weiß, daß sein Instrument an manchen Tagen nicht so frohlockt, wie er es meistens gewöhnt ist. Zartheit und Kraft können durch Temperatur und Wetterfühligkeit schwanken, wie umgekehrt die emotionalen Schwankungen des Künstlers wiederum den Geigenton beeinflussen können.
32. Nicht jedem Geiger gelingt es auf Anhieb, ein ihm bisher unbekanntes Instrument, ob alt oder neu, sofort richtig zum Klingen zu bringen, weshalb es für die Künstler immer schwierig ist, auf Instrumenten zu konzertieren, die sie nur kurz erprobt haben. Geiger und Instrument müssen sozusagen zusammenwachsen.
33. Es dürfte einem jungen angehenden Solisten nicht schwerfallen, eine zu ihm passende, preiswerte Konzertgeige aufzuspüren, wenn er sich von dem Aberglauben nicht infizieren läßt, daß nur die ganz großen Italiener ihm eine Garantie für solistische Erfolge bieten können. Die Befreiung von dem sektiererischen Glauben und den verkrusteten Irrtümern, daß es nur die Antiquitäten ,,in sich haben", ist die Voraussetzung zum Erfolg bei der Suche nach preiswertem ,,Gerät". Er kann dann dem profit-bewußten Altgeigenhandel ruhig den Rücken zuwenden, braucht keine Angst vor falschen Zertifikaten zu haben oder sich die Haare zu raufen, ob der Stammbaum stimmt und die Geige echt ist. Darüberhinaus braucht er sich nicht in Unkosten zu stürzen, die in keinem Verhältnis zu seinem Einkommen stehen.
34. Manche Solisten der Spitzenklasse haben neben ihrer alten klassischen Geige eine sog. Kopie und spielen diese gelegentlich auch im Konzertsaal (vermutlich weil sie mehr hergibt). Die Neue muß in der äußeren Erscheinungsform so gut gemacht sein daß das Publikum und der Kritiker es nicht merken. Der Begriff Kopie ist überhaupt eine Irreführung! Im Instrumentenbau kann eine Nachschaffung nur die äußere Form und Lackierung betreffen. Das aber was für den guten Bau und den Ton der Geige ausschlaggebend ist muß als Neubau bezeichnet werden. Diese Neue kann im Ton unter Umständen ähnlich, besser oder schlechter sein, je nach der Ausführung. Stets ist sie eine Neuschöpfung und hat mit der Vorlage außer dem oberflächlichen Erscheinungsbild nicht das geringste zu tun.
35. Altgeigen werden nicht nur von Geigern gekauft. Die größte Anzahl der ehrwürdigen Alten sind Spekulationsobjekte von Sammlern und Händlern. Obwohl diese mit dem Violinspiel meist nicht das geringste zu tun haben, treten sie gegenüber den Geigenvirtuosen als Konkurrenten auf -- allerdings nicht im Spiel, als vielmehr im Hochtreiben der Preise. Von den wenigen noch in guter Erhaltung existierenden Werken von Stradivari, Guarneri und Amati u. a. steht nur ein winziger Teil ausübenden Künstlern zur Verfügung. Der größte Teil liegt in Samt und Seide gebettet in Banksafes oder in Privatsammlungen. Es ist verständlich, daß Berufsmusiker, die ihr Seelenheil nur in Antiquitäten zu finden glauben, darüber verärgert sind. Ein Verdienst muß dem Kunsthandel allerdings angerechnet werden: die Erhaltung der Existenz wertvoller Altertümer für spätere Generationen.
36. Es ist nicht zu übersehen, daß die berühmten alten Geigen an Zahl immer weniger werden. Der Altgeigenhandel ist geschäftstüchtig genug, um neue Wege zu beschreiten. So werden allmählich auch die Produkte der weniger bekannten Altgeigenbauer hochgelobt und mit einem entsprechenden Preis versehen. Die geschäftstüchtige Taktik dieser Leute kennt keine Grenzen. Immer neue ,,alte Namen" tauchen auf und werden als hoch im Kurs stehend hingestellt.
37. Die suggestive Kraft des Handels mit seinen massiven kommerziellen Interessen hat sich heute schon so stark auf die Professionellen ausgewirkt, daß diese die Wörtchen alt = gut und neu = schlecht wie ein Engramm im Unterbewußtsein mit sich herumtragen. Diese Automatik haftet so tief wie meinetwegen der Irrglaube mancher Sekten. Die Vorstellung, daß nur überaltertes Holz gut klingt, ist ebensowenig auszurotten wie die Ansicht, die Tonqualität der berühmten alten Geigen wäre vom Neuzustand bis heute immer die gleiche gewesen. Es fehlt -- wie gesagt -- an der Faszinationskraft für moderne Streichinstrumente mit ihrem frischen unverfälschten Holzton und der breiten Palette. Während auf dem übrigen Instrumentensektor (Blasinstrumente, Klavier etc.) der Zeitgeschmack sich längst zum Neuen gewandelt hat, schwärmen die Streicher immer noch von dem honigsüßen Altholzton der Veteranen, ohne zu bedenken, daß die akustischen Qualitäten dieser Altgeigen während ihrer ,,Jugendjahre" ganz andere waren: kraftvoll und von herber Schönheit.
NACHTRAG
Die unvoreingenommene Beurteilung des klanglichen Wertes moderner Spitzeninstrumente wird demjenigen Solisten am ehesten gelingen, der gewohnt ist, Erfahrungen auf mehreren alten und neuen Klangkörpern zu sammeln. Das dauernde Spiel auf nur einem einzigen Instrument erzeugt eine Hörgewöhnung, die die Empfängnisfähigkeit für andere Tonqualitäten herabsetzt. Die Würdigung anderer Klangfarben setzt Erfahrung mit einer Mehrzahl von Möglichkeiten voraus und läßt die Ansprüche wachsen.
39. Bliebe das abwertende Urteil über den modernen Geigenbau bestehen, müßte daraus eine Hoffnungslosigkeit für diesen künstlerischen Beruf abgeleitet werden, was jeden Ansporn, noch Besseres zu schaffen, bremste.
40. Ein Hoffnungsschimmer ist da und dort am Weithorizont zu verzeichnen. Anfänge von Sinnesänderungen sind zu registrieren. Dennoch ist das Vorurteil eine weltweite Krankheit. Auch wenn nur eine einzige in letzter Zeit gebaute Geige aus neuerem Holz die teuersten Geigenantiquitäten überträfe, wäre damit der Beweis erbracht, daß die weitverbreitete Meinung irrig ist, der heutige Geigenbau könnte nicht ähnlich Großartiges schaffen. Nun sind aber Gott sei Dank bereits einige hundert neuer Streichinstrumente von Solisten der Weltklasse in Gebrauch und werden bevorzugt gespielt, trotz des gleichzeitigen Besitzes von Stradivaris und Guarneris etc. Die Neigung, sich bedingungslos den historischen Instrumenten zu verschreiben, ist bei Einsichtigen nicht mehr so groß, weil viele den Wert erstklassiger neuer Schöpfungen und deren Klangspektrum und Trennschärfe erkannt haben. Im Folgenden seien nur einige Künstler der Weltklasse genannt, die das Vorurteil gegen alles Neue als irrig ansehen und abgelegt haben. Solisten von Rang, von denen man weiß, daß sie dauernd oder mindestens sehr häufig zu neuen Instrumenten greifen, sind z. B. Chr. Bunting, Jan White, Erdelyi, W. de Pasquale, Joseph de Pasquale, Jacqueline du Pre', Eugene Fodor, Franco Gutti, Salvatore Accardo, Albert Markov, W. Primrose, Jvan Galamian, Kyung-Wha Chung und manche andere. Im Philadelphia-Orchester (Chef Eugene Ormandy) spielen 24 Mitglieder der Streichergruppe einschließlich des 1. Konzertmeisters neue Instrumente. Darüber hinaus konzertieren eine unbekannte Anzahl von Solisten mit Überzeugung auf neuen Instrumenten, ohne es (aus nicht schwer zu erratenden Gründen) an die große Glocke zu hängen.
41. Der Abbau von Voreingenommenheiten gegen Neuschöpfungen ist nicht zufällig. Er resultiert aus Erfahrung und Logik. Erstere kann jeder sammeln, der sich darum bemüht und aufgeschlossen ist. Die Logik ist allerdings Sache wissenschaftlichen Denkens. Wieso soll ein altes Instrument besser sein, wenn es durch weitläufige Umbauten und Hinzufügen von Futtern den heute notwendigen Stabilitätsverhältnissen, der modernen Mensur und den heutigen tonlichen Ansprüchen erst angepaßt werden mußte, wo im Gegensatz dazu diese Verhältnisse einem neuzeitlichen Spitzeninstrument ohne weiteres innewohnen. Und noch etwas: Liegt in diesen Umbauten nicht ein Mitverdienst späterer Geigenbauer, die Klang-änderungen in positiver Richtung zuwege gebracht haben, was ein Stradivari oder Guarneri über ihr verändertes Instrument in Erstaunen versetzen würde. Ein Rückbau in den ursprünglichen Bauzustand brächte höchstwahrscheinlich eine totale Enttäuschung im großen Saal, aber vielleicht auch die Rückkehr des kammermusikalischen Charmes mit sich.
42. Die Geige hat, wenn man sie vom Schönheitsideal her betrachtet, zweifellos ihre Endform erreicht. Es besteht kein Bedürfnis, hier etwas ändern zu sollen. Vom Standpunkt der Tonqualität her könnte man sie freilich ungestraft in den Umrissen variieren, vorausgesetzt, daß der Rauminhalt des Corpus im großen und ganzen gleichbleibt. Änderungen der Form hat es versuchsweise immer wieder gegeben. Man denke nur an die Modelle von Felix Savart, Francois Chanot, Julius Zoller. Geigen dieser Forscher wurden Fachkommissionen von Solisten vorgestellt, und bei Vergleichsspielen hinter dem Vorhang wurde überraschenderweise gelegentlich eine Stradivan oder eine andere Bedeutende klanglich besiegt.
43. Dem modernen Geigenbauer bliebe noch genügend Bewegungsraum für Formveränderungen ohne Verlust der Tonqualität. Bei dem strengen Konservativismus der Streicher ist von Versuchen in dieser Richtung allerdings abzuraten und zu empfehlen, den Zusammenbau mit dem Ziel noch besserer Tonqualität zu perfektionieren. Erfolge in dieser Beziehung sind da. Das beweisen manche Weltklassesolisten, die sich dem modernen Gerät zugewandt haben.
44. Genauso, wie es leider Gottes zahlenmäßig noch kein überwältigendes Angebot an wirklich großen modernen Solistengeigen gibt, finden wir auch unter den historischen berühmten Instrumenten bei weitem nicht lauter Klangwunder. Man darf nicht übersehen, daß kaum alle Schöpfungen von den ganz großen Altmeistern gut klingen. Ein gewisser Prozentsatz ist für einen Solisten direkt unspielbar. Von einem primär oder infolge falscher Reparaturmaßnahmen schlecht klingenden Instrument nimmt mit Recht kein Musiker Notiz. Bei historischen Erzeugnissen allenfalls der Kunst-markt.
45. Unter den gebrauchstüchtigen Altgeigen großer Meister findet man aber auch einen nicht ganz kleinen Prozentsatz mit nur mittelmäßigen Ton - charakteristikas. Es ist erstaunlich, wie mühselig sich manche Solisten mit solchen alten Instrumenten herumplagen, weil sie unbeirrt glauben, daß ein teures Stück eines großen historischen Schöpfers unbedingt mit der Zeit volltonlich herauskommen muß. Sie quälen sich ab mit dauerndem Versetzen des Stimmstocks und mit häufigem, geduldigem Wechsel von Saiten u. a. Schließlich haben sie ja eine ganze Menge Geld für die Anschaffung hingelegt! In den meisten großen Orchestern der Welt scheint es beinahe ,,Ehrensache" zu sein, ein historisches Instrument zu besitzen, was vielfach dazu führt, daß ihre Mitglieder nichts weiter als eine äußerlich perfekt restaurierte Ruine ihr eigen nennen.
46. Wenn ein Solist auch nur annähernd soviel Mühe und Geduld für die Einspielung eines guten neuen Instruments verwendete, käme er viel schneller an sein ersehntes Ziel.

47. Übrigens ist das dauernde Versetzen des Stimmstocks, das bei manchen zur Leidenschaft werden kann, eine für das Instrument schädliche Maßnahme. Der Ortswechsel, mag er noch so klein sein, bringt den Schwingungs - mechanismus immer wieder aufs neue in Unruhe. Der einmal richtig gesetzte Stimmstock muß zur Erhaltung des Schwingungsgleichgewichts das ganze Geigenleben hindurch an der richtig gewählten Stelle verharren. Wozu auch der ewige Wechsel? Er ist doch nur der Beweis der Unzufriedenheit mit dem Instrument. Niemand käme auf die Idee, den Baßbalken versetzen zu wollen (wenn er beweglich wäre), der für den Toncharakter wesentlich stärker verantwortlich ist. Eine primäre Unausgeglichenheit der Saiten eines teuren Instruments sowie leichte Tücken in der Ansprache sind ein Grund, es nicht zu kaufen. Die Hoffnung auf einen Einspielungserfolg könnte in Enttäuschung umschlagen.

48. Schriftsteller in Sachen Streichinstrumente schwärmen in höchsten Tönen über die bewunderungswürdigen Fähigkeiten der Altmeister im Hinblick auf exakte Abstimmung von Decken und Böden und rühmen deren geniales Können. Man wundert sich nur darüber, daß diese leidenschaftlichen Autoren sich nie Gedanken darüber machten, wie es kommt, daß die intuitive Feinabstimmung bei den meisten Altinstrumenten glatt außer Kraft gesetzt worden ist durch Einfügen neuer, stärkerer und längerer Baßbalken und zum Teil umfangreicher Futter als notwendige Restaunerungsmaßnahme. Jedem dürfte bekannt sein, daß ausgedehnte Umbauprozeduren, früheren oder neueren Datums, praktisch an allen historischen Instrumenten vorgenommen worden sind, um sie am modernen Musikleben weiter teilnehmen zu lassen.
49. Im 18. und 19. Jahrhundert war es gang und gäbe, dem Solisten sogenannte alte Geigen großer Herkunft ,,anzudrehen" ,die in Wirklichkeit neue waren. Diese zeigten sich vom Erscheinungsbild her so gut frisiert, daß sie als echt in den Geigenkreislauf kamen. Diese Kopien späterer erstklassiger Geigenbauer waren auch vielfach Spitze in Klang und Aussehen, so daß der Käufer, ohne es zu wissen, mit einer ,,Neuen" aufs Podium trat und Erfolg hatte. Solche Täuschungen führten schon damals zu dem falschen Bewußtsein ,,alt ist besser als neu". Die Erzeugnisse mancher entlarvter Kopisten sind heute gesuchte Instrumente, denen gegenüber echte ,,Alte" nicht selten schwerinvalide sind, mit verdeckten Fehlern und unsichtbar gemachten Bruchstellen. Man lese nur die Decken- und Bodenbefunde in den Bänden ,,Alte Meistergeigen Band 1 bis VIII (Verlag Das Musikinstrument, Frankfurt).
50. Hat ein historisches Instrument ein Echtheitszertifikat oder gar zwei, wird es gekauft. Der Künstler bemüht sich, denn es muß ja klingen. Den Namen hat es!

51. Da wäre noch ein Irrtum auszurotten. Es wird viel von der besseren ,,Tragfähigkeit" historischer Streichinstrumente gesprochen und behauptet, daß die neue Geige, auch wenn sie am Ohr kraftvoll klingt, im großen Saal nur unbefriedigend ankommt. Derartige Redensarten haben beim Händler merkantile Hintergründe und bei den Solisten Anzeichen physikalischer Unkenntnis. Wenn zwei auf allen vier Saiten ausgeglichene Geigen am Ohr schön klingen und etwa dieselbe Lautstärke erzeugen, dann ist nicht einzusehen, daß der Luftraum, aus reiner Antipathie gegen die neue Geige, dieser einen größeren Widerstand entgegensetzt. Wenn die Phonzahl am Start gleich ist, kommt der Ton auch am Saalende mit gleicher Stärke an.

52. Nieten im Instrumentenbau gab es vor Jahrhunderten wahrscheinlich genauso viele wie heute, nur kamen erstere im Zeitablauf außer Verkehr, so daß eine wohlgehütete Auslese mit mehr oder weniger gutem Erhaltungsund Reparaturaufwand in unsere Zeit herübergerettet wurde. Darunter sind außer Zweifel ein paar hundert ganz hervorragend klingende Kunstwerke. Diese zu erhalten und zu pflegen, ist gewiß das Gebot der Stunde. Man sollte sie nicht über Gebühr strapazieren, um sie späteren Generationen zu erhalten. Auch aus diesem Grunde wäre der Einsatz moderner Instrumente geboten.
53. Reliquienanbeter bleiben ihren Reliquien treu. Nicht immer tun dies die auf Altertümer eingeschworenen Virtuosen. Hier werden zuweilen die wertvollsten' alten Streichobjekte gewechselt ohne scheinbar ersichtlichen Grund. Eine gewisse Unzufriedenheit mit diesen meist übertrieben teuren Stücken könnte die Ursache sein. Die Jagd nach immer noch besseren Tonkörpern ist in diesem uralten Revier mit seinen angeschossenen, kranken und kränker werdenden Beständen ein wenig sinnvolles Unterfangen. Den Altgeigenhandel der letzten zweihundert Jahre könnte man als den Vorreiter des modernen Marketing - denkens bezeichnen. Alte Geigen wurden zu einem Markenbegriff hochstilisiert. Man spricht von ,,fein" und ,,feinst" und meint damit ,,teuer", ,,sehr teuer", ,,unbezahlbar teuer".
54. Den Interessen des gehobenen Antiquitätenmarktes und seiner Propaganda wird widerspruchslos Gehör geschenkt. Die Fabeleien von den verlorenen Lackrezepten, vom alten Holz, das es jetzt nicht mehr gäbe, vom angeblich Hunderte Jahre notwendigen Reifeprozeß des Materials, vom sog. ,,italienischen Ton" werden von Mund zu Mund weitergetragen, als wenn sie letzte Wahrheiten wären.
55. Die Behauptung der Existenz eines ,,italienischen Tones" ist die größte Zumutung für jeden vernünftig denkenden Musikliebhaber. Es gibt keinen ,,italienischen Ton", allenfalls eine Fetischverehrung von Reliquienanbetern. Die Existenz von einigen ganz hervorragenden italienischen Altgeigen berechtigt noch nicht zu einem übertreibenden Werturteil. Unabhängig vom Entstehungsland hat jedes gute Instrument, ob alt oder neu, seinen eigenen Toncharakter. Geltungs- und Ansehenvermehrung auf der einen Seite bedingt stets Verminderung auf der anderen. Zur Ausebnung dieser falschen Unterschiedsbewertung wären vergleichende Klangwettbewerbe auf offener Bühne sehr hilfreich und gewiß auch eine sehr unterhaltende Attraktion für Musikliebhaber und Kennerpublikum.
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1975 Copyright by Dr. Joh. Gg. Pfeiffer

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