Der Spiegel
DAS DEUTSCHE NACHRICHTEN-MAGAZINE
10. Marz 1986
| Sakraler
Ton Millionen-Gewinne werden im Geschäft mit alten Violinen eingefahren. Doch Fälschungen und manipulierte Gutachten bringen den Geigenhandel zunehmend in Mißkredit. |
| Die Verwandlung der nagelneuen Fiedeln in altehrwürdige Violinen findet hinter verriegelten Türen statt. Für die Metamorphose hat der Meister, ein Londoner Geigenbauer, eine Batterie von Gläsern mit allerlei absonderlichen Substanzen bereitgestellt. |
| *2. Je nach dem gewünschten Farbton beizt er die Instrumente mit Lakritzwasser oder Kaffeesud, Holzessig, Nußschalenenextrakt oder einem wasserlöslichen Anilinfarbstoff. An manchen Stellen trübt er den Lack mit einem spiritusgetränkten Lappen. Das wirkt dann so, als hätten dort in vielen Jahrzehnten Künstlerhände ihre Spuren hinterlassen. |
| *3. Danach wendet sich der Experte dem sogenannten Corpus der Instrumente zu: Er füllt den Hohlraum der hölzernen Klangkörper mit einer Mischung aus Korn-Fegsel, Rübsamen, Kasseler Braun und zerzauster, farbiger Wolle. Alles zusammen wird gründlich verwirbelt und geschüttelt, bis sich das beigemischte Kolophoniumpulver verfärbt, erwärmt und an den Innenwänden festgesetzt hat. Genauso, graubraun und verstaubt, sieht es auch im Inneren einer echten Stradivari aus. |
| *4. Schöner als vorher jauchzen und schluchzen die derart malträtierten Instrumente zwar nicht. Doch seit immer mehr Hobby-Musiker die Violine streichen, lassen sich künstlich gealterte Geigen leicht und mit beachtlichem Gewinn an den Mann bringen. |
| *5. Allein in der Bundesrepublik spielen derzeit mehr als 95 000
Kinder und Erwachsene Violine; vor drei Jahrzehnten waren es nur 5000. Einen
ähnlich steilen Aufschwung nahm das Geigenspiel in Frankreich, Großbritannien und den
USA, vor allem aber in Japan. Entsprechend hektisch expandierte der internationale
Geigenmarkt wobei die Preise speziell für alte
Violinen in schwindelerregende Höhen stiegen. *6. Nahezu alle Virtuosen spielen auf uralten Instrumenten, die, so ein Branchenkenner, "unter einer Million nicht zu haben sind". Yehudi Menuhin etwa bevorzugt eine Guarneri, die deutsche Meistergeigerin Anne-Sophie Mutter streicht Stradivaris sie besitzt gleich zwei Exemplare. |
| *7. Zwischen 40 000 und 300 000 Mark zahlen derzeit Liebhaber schon
für durchschnittliche Alt-Violinen, sofern sie nur aus dem europäischen Ursprungsgebiet
der Geigen-Baukunst stammen; die hatte sich, im 16. bis 18. Jahrhundert, von Neapel bis
nach Brescia und schließlich nach Tirol und Mittenwald ausgebreitet. Das Zentrum
des hochentwickelten Handwerks lag in der Gegend von Cremona. *8. Dort, in dem idyllischen Städtchen am Po, lebten die berühmtesten Geigenbaumeister wie Nicola Amati, Carlo Bergenzi, Giuseppe Guarneri del Gesù oder Antonio Stradivari Namen, die unter Kennern bis heute einen magischen Klang besitzen. |
| *9. Für Instrumente aus der Werkstatt so erlesener Altmeister, zu denen auch Matteo Goffriller aus Venedig oder Nicola Gagliano aus Neapel gehören, ist zahlungskräftigen Interessenten mittlerweile kein Preis mehr zu hoch. So ging unlängst im Londoner Auktionshaus Sothebys die 1707 von Antonio Stradivari gebaute Meistergeige mit dem Namen "La Cathedrale" für 1,456 Millionen Mark weg. Eine andere Stradivari namens "Jules Falk" wurde im April 1985, gleichfalls bei Sothebys, für 1,144 Millionen Mark versteigert. |
| *10. Im Geschäft mit Altgeigen dieser Klasse gibt seit jeher eine
Handvoll etablierter Händler den Ton an. Der feine,
kleine Klub, seit Jahrzehnten fest im Griff von Monopolisten wie Emil Herrmann (New York), Walter Hamma (Stuttgart), Albert Phillip
Hill (London) oder Heinrich Ludwig Werro (Bern), besteht aus Kapazitäten,
die das Geigenbauhandwerk von Grund auf beherrschen und die ihr Geschäft durchweg von
ihren Vätern übernommen haben. *11. Nahezu alle wertvollen alten Instrumente sind irgendwann einmal durch die Hände dieser Spezialisten gegangen. Ihre Echtheitsgutachten waren daher im Geigenhandcl bislang so gut wie Gold ein Vertrauenskredit, der dahin-schwindet: Seit längerem wachsen die Zweifel an der Seriosität der Klubmitglieder, von denen einige wegen betrügerischer Machenschaften sogar vor Gericht standen. |
| *12. Allerdings: "Der Betrug im
Geigenhandel", so urteilt der Karlsruher Musik-Professor Walter Kolneder, "ist
so alt wie die Geige selbst." Spätestens im 19. Jahrhundert, als das
Geigenspielen in den Bürgersalons zur Mode wurde, hatten Fälscher Hochkonjunktur, die
den steigenden Bedarf nach italienischen Meistergeigen mit kunstvoll präparierten Falsifikaten befriedigten. *13. Wie fleißig die Geigenfälscher damals gewesen waren, wurde erstmals 1937 offenbar, als in Cremona der 200. Todestag des Altmeisters Antonio Stradivari mit einer Ausstellung alter Cremoneser Violinen gefeiert werden sollte. Von etwa 2000 angeblich echten italienischen Altgeigen, die einer Jury zur Begutachtung vorlagen, erwiesen sich nur 40 als historische Instrumente aus der Zeit der alten Meister ein Befund, der bis heute für Mißtrauen sorgt: Marktbeobachter fragen sich seither, wie es möglich ist, daß im internationalen Handel ständig an die drei Dutzend echte Stradivaris zirkulieren. |
| *14. Für die kleine Elite der Geigenhändler war die latente
Skepsis der Kenner nie geschäftsschädigend, eher im Gegenteil: Der
einmal geweckte Verdacht steigerte nur den Wert ihrer Gutachten. Experten
wie Werro oder Hamma,
in deren Werkstätten bis heute nahezu alle Top-Violinen gepflegt, repariert und
restauriert werden, verlangen für eine Expertise grundsätzlich ohne finanzielle
Risiko-übernahme rund zehn Prozent
vom geschätzten Verkaufswert des Objekts. *15. Zur Preisbestimmung wird die in Deutschland herausgegebene, international gültige "Fuchs-Taxe" herangezogen, ein Verzeichnis, das etwa der Schwacke-Liste für Gebrauchtwagen vergleichbar ist. Doch die Fuchs-Taxe, zusammengestellt von den Fachverbänden der Geigenbauer, erfaßt nur Violinen bis zur gehobenen Mitteiklasse; die Einschätzung der Spitzengeigen findet dagegen im verborgenen statt. |
| *16. Nur in Ausnahmefällen kommen die teuren Prunkstücke auf den
offenen Markt. Meist werden sie vererbt oder unterderhand verkauft. Wo sie dennoch im
öffentlichen Handel auftauchen, sind alsbald die Profis der sogenannten Geigen-Mafia zur Stelle: Bei Christies
und vor allem bei Sothebys, dem
Hauptumschlagplatz für Altgeigen, treiben sie mit
Scheingeboten die Preise hoch. *17. Mit ihren Geschäftstricks hat die Geigen-Mafia dafür gesorgt, daß der Handel mit Violinen-Antiquitäten zum Big Business geworden ist. Noch 1970 setzte Sothebys mit Altgeigen nur 100 000 Mark um; neun Jahre später waren es schon mehr als 600 000 Mark. 1985 betrug der Umsatz allein in den ersten fünf Monaten bereits 2,5 Millionen Mark ein Höhenflug, der Vertrauen voraussetzt. |
| *18. Denn der Reliquienkult um die
tönenden Fetische Geigenvirtuese Yehudi Menuhin: "Alte
Instrumente haben einen sakralen Ton" steht und fällt mit der Qualität und
Zuverlässigkeit jener Gutachten, die den Antik-Fiedeln ihre aristokratische Herkunft
bescheinigen. Nur selten bestehen die Atteste aus mehr als sechs Sätzen, und
unterschrieben sind sie mit immer demselben bekannten Namen wie Werro,
Hill, Hamma
oder Herrmann. *19. Deren Renommee aber hat längst stark gelitten. Als erster war, schon 1958, der Schweizer Henry Werro in die Schußlinie geraten. Ein Berner Geschworenengericht verurteilte ihn wegen zweifachen Betruges und Urkundenfälschung in zwölf Fällen, dazu wegen versuchter Nötigung, zu einem Jahr Gefängnis. Seinen geprellten Kunden mußte er 400 000 Franken zurückzahlen. |
| *20. Werro hatte,
unter anderem, eine Alt-geige im Wert von 3500 Franken durch Etiketten-Austausch
zu einer "Carlo Bergonzi" promoviert und das damit geadelte Instrument für 80
000 Franken weiterverkauft. Bei einer anderen Geige, die er versehen mit einem
Gutachten des Kollegen Hamma für 120
000 Franken als Stradivari verkauft hatte,
stellte sich heraus, daß sie nicht vom Meister selber, sondern nur aus dessen Schule
stammte. Für die Expertise Hammas, so
erwies sich, hatte Werro die nötigen Daten
geliefert. *21. In die Bredouille war damals auch der New Yorker Experte Emil Herrmann geraten, ein gebürtiger Deutscher, der es in den USA im Geigenhandel zum Millionär brachte. Nach insgesamt zwölf Betrugsprozessen hatte der ViolinenFachmann sein Vermögen schließlich vergeigt. Er starb 1968 als armer Mann seine Expertisen überlebten ihn. |
| *22. Ins Gerede gekommen sind die Experten seitdem immer wieder --
so der Brite Hill, der eine "Guarneri" fälschlich als echt deklarierte,
aber auch der Stuttgarter Hamma, der sich
1984 vor dem Hamburger Landgericht als Sachverständiger blamierte: Er sah sich
außerstande, eine angezweifelte "Goffriller"
fachgerecht zu identifizieren. Dabei ist Walter Hamma
Autor einer Schrift ("Meister italienischer Geigenbaukunst"), die unter Kennern
als eine Art Violinen-Bibel gilt. Doch das Werk, in dem auserlesene Altgeigen ihren lange
verblichenen Herstellern zugeordnet werden, ist mittlerweile gleichfalls umstritten. *23. "Mehr als zehn Prozent der Zuschreibungen in diesem Buch", erklärt ein Fachmann aus New York, "stimmen einfach nicht, sie gleichen einem Horoskop, das beliebig zutrifft." Dunkle Ahnungen, die Kompetenz der Fachleute betreffend, beschleichen seit kurzem auch das internationale Publikum in den Auktionshäusern. Gleich drei Stradivaris mit Gutachten von Hill und Werro konnten im November 1985 bei Sothebys nicht verkauft werden was aber womöglich auch am Preis gelegen hat. |
| *24. Eine der drei Super-Geigen, die "Lady Blunt", war 18
Jahre im Besitz des Berners Werro gewesen.
Dann hatte sie der chinesische Schiffsmakler Robin Lo aus Singapur erworben, für 700 000
Mark. Für 3,36 Millionen Mark sollte sie nun versteigert werden, doch niemand machte ein
Angebot. *25. "Stradivari Flop", höhnte die Londoner "Times". Graham Wells von Sothebys, der die Millionen-Preismarge festgesetzt hatte, zog die drei "Strads" erst einmal aus dem Verkehr. Bei der nächsten Geigenauktion, am 19. März, werden sie nicht dabeisein. |
| *26. Das Geschäft mit den Alt-Violinen, glaubt Wells, werde
darunter nicht leiden. "Arzte, Bauunternehmer, Bankiers und Textilfabrikanten",
sagt er, "legen schon seit langem ihr Geld in alten Geigen an." *27. Von solchen Kunden, die von alten Geigen ohnehin nicht viel verstehen, sind laut Wells Proteste auch im Betrugsfall nicht zu befürchten denn: "Die zahlen meist mit Schwarzgeld, einen Skandal können sie sich gar nicht leisten." |