REUTER'S FOCUS REPORT
English Report Summaries -- Available German Titles


RIN:043

GEIGEN MYTHOLOGIE:
EINE PSYCHOANALYTISCHE
GOLDMINE
 Copyright © Fritz Reuter and Sons, Inc. 1986, 1996, 1997 All rights reserved
By Fritz Reuter, Jr.

Nicht einmal die Lokomotive ist ein größeres Wunder des Mechanismus als die Geige. - Gladstone

Das "Geheimnis" des Klanges von Stradivarius, genau wie die Verehrung, die antiken oder alten Instrumenten von der breiten Öffentlichkeit entgegengebracht wird, gründet sich zum großen Teil auf Mythen statt auf nachweisbare Tatsachen.
2. Das wirkliche "Geheimnis" liegt unglücklicherweise an der Handhabung des Marktes. Daher will dieser Bericht wie schon andere FOCUS Artikel die Geschäftsmanöver hinter den Kulissen beleuchten in Bezug auf das Verkaufen alter, antiker Geigen. Ich hoffe durch das Anbieten von Tatsachen die dem Käufer -- dem Spieler, dem Sammler oder dem Geschäftsmann -- wahrscheinlich kaum bekannt sind, Mittel zu beschaffen, die sich bei der Wahl einer Geige sowie bei der Auftraggebung von Reparaturen und Restaurationen als nützlich erweisen. Ich werde meine Sprechpunkte an der Geige erläutern. Aber die gleichen Betrachtungen treffen auf die Viola, das CeIlo und den Bass zu -- sowie auf die Bögen dieser Instrumente.
3. Die Geige ist wahrscheinlich das meist romantisierte Instrument das es gibt. Viel ist aus der Sicht des Herstellers, des Sammlers und Spielers über sie geschrieben worden. Jedoch wenig ist aus der Perspektive des Händlers gesagt worden. Die Meisten, überschwemmt mit Informationen, die die Rolle des Händlers außer acht lassen, haben Mühe, Wahrheit und Dichtung zu unterscheiden. Die Dichtung ist zum großen Teil von gewissen Händlertypen und Lehrern bewußt genährt -- von solchen, die von der verständlichen Unkenntnis und Verwirrung der Käufer getrieben, einen Profit suchen. Aus diesem Grunde ist es für uns dringend nötig die drei hauptsächlichen Mythen zu beleuchten, die das Fortsetzen der großen Geigenmythologie bewirken.
  • MYTHOS I: Der Preis einer alten oder antiken Geige wird von deren Klang bestimmt
  • TATSACHE: Die Preise alter oder antiker Geigen sind in hohem Grade eine Ermessensfrage.
4. Besonders im Einzelhandel bezeichnet man die Preise für alt-antike Geigen als "Liebhaberpreise" -- das ist der Preis den ahnungslose Käufer zu zahlen überredet werden durch ein geheimes finanzielles Abkommen zwischen Verkäufern und "Kupplern", d.h. Lehrern und solchen, die ein pekuniäres Interesse haben. Unter ihnen wird der tatsächliche Verkaufspreis durch das absolute Maximum bestimmt, das ein Käufer überredet werden kann, zu zahlen. Dieses Vorgehen ist ihr "schöpferisches" Verkaufsgebaren. Dann beginnt der Spaß. Von den "Liebhaberpreisen" werden verschiedene Vergütungen abgezogen, "Vermittlerprovisionen" (bis zu 50%), die an Lehrer und andere für ihre "Kupplerdienste" gezahlt werden -- zusätzlich ein äußerst hoher Profit für den Verkäufer. Der Rest, sagen wir 20 - 30% der "Liebhaber-preise", übersteigt meistens den Preis den man für dasselbe Instrument bezahlt hätte, wenn es nicht aus einer Gauner Quelle stammte.
5. Auktionen sind etwas ganz anderes. Zu Gunsten des Hauses werden die Preise zwar oft schändlich hochgetrieben, aber im allgemeinen reflektieren sie die Wertskala des jeweiligen Objekts sowie den Trend und den Kurs der unter Sammlern vorherrscht. Experten taxieren äußerliche Werte -- Echtheit (Herkunft und Hersteller), den Erhaltungszustand (Beschädigungen, Reparaturen oder andere wertmindernde Faktoren) -- und setzen den Preis eines Instrumentes fest, indem sie sich auf den Wert beziehen der auf dem freien Markt von Geigensammlern anerkannt wird.
6. So kann der tatsächliche Bargeldwert einer Geige (nicht der auf Papier) nur auf einem von drei Wegen bestimmt werden: -- durch den Verkaufspreis des Instrumentes auf dem freien Markt, ungeachtet des ursprünglichen Einkaufspreises, -- durch den niedrigsten Bargeldwert (nicht den Tauschwert) den der vorige Verkäufer garantierte -- und durch den Ersatzwert, d.h. den Betrag den eine Versicherungsgesellschaft bereit ist bar zu zahlen (keinen Gegenwert) falls das Instrument gestohlen oder total zerstört würde.
  • TATSACHE: Die meisten Geigen die in Auktionshäusern verkauft werden, werden verkauft ohne gespielt zu werden, ohne Klangtest.
7. Diese sind in erster Linie renommierte Auktionshäuser (z.B. Phillips, Christie, Sotheby's in London; Bongartz in Aachen). Jedoch sind die Auktions-Hammerpreise Bezahlungen für äußere Werte, nähmlich Werte die durch Sammler von Antiquitäten festgesetzt werden. Sie stehen in keinem Verhältnis zum Zweck für den die Geige ursprünglich beabsichtigt war. Das Durchlesen eines Sotheby's Auktionskataloges wird meine Behauptungen bald bestätigen, selbst dem flüchtigen Leser.
8. Erlauben Sie mir einige Verallgemeinerungen zu diesem Thema. Antike Sachen werden aus verschiedenen Gründen auf einer Auktion gekauft, das gilt für alle Arten von Antiquitäten: Uhren und Autos, Stühle und Porzellan, Klaviere und Geigen. Museen bieten aus dem Grund mit, sie möchten der Sammlung die sie ausstellen, noch was hinzufügen. Sammler kaufen um zu investieren und zu spekulieren -- und manchmal auch weil die Neuerwerbungen der Eitelkeit des Sammlers schmeicheln. Doch die erworbenen Dinge vertreten nicht den "Standart der Kunst" auf dem jeweiligen Gebiet -- niemand sollte sich das einbilden.
9. Wenn jemand ein Auto haben möchte, das den "Standart der Kunst" auf dem Gebiet der Ingenieurskunst verkörpert, würde er irgendein berühmtes ausgefallenes Modell kaufen und zwar das allerneuste. Niemand würde einen klassischen Duesenberg kaufen! Es gibt vernünftige Gründe einen Duesenberg zu kaufen: historische Form, Seltenheitswert u.s.w. Niemand bildet sich jedoch ein, daß dieses Auto den Gipfel der heutigen Automobilkonstruktion darstellt. Kurzum, niemand kauft den Duesenberg seines -- wie ich es nennen möchte -- intrinsic (inneren) Wertes wegen. Erstaunlicherweise jedoch kaufen Leute Geigen von antiquarischem Wert und bilden sich gleichzeitig ein sie repräsentieren den heutigen Hochstand oder den "Standart der Kunst". Denn sie wählen ohne sich an eine objektive Norm zu halten.
  • MYTHOS II: Alte, teure, antike Geigen klingen besser als weniger teure Geigen die von Meistern des zwanzigsten Jahrhunderts hergestellt wurden.
  • TATSACHE: Die Schönheit des Klanges einer Geige hat KEINE gerechtfertigte Beziehung zum Preis oder zum Alter des Instrumentes.
10. In Forbes Magazin (30.Januar 1984) berichtete Robert Teitelman über Versuche, das "Geheimnis" des Stradivari zu ergründen. Nur wenige Monate später macht Reader's Digest (Juni 1984) den Bericht Teitelmans einen noch größeren Kreis von Lesern zugänglich. Seine Schlußfolgerungen könnten so wie sie im Digest gedruckt worden sind kaum verbessert werden:

11. Am Schluß glauben viele Experten, daß diese Forschungsarbeit beweisen könnte, daß das Geheimnis des Stradivari nicht ausschließlich eine technische Angelegenheit ist, sondern eine, wie die Wissenschaftler sagen, "psychoakustische". Das was ein Geiger beim Spielen hört und fühlt ist so subjektive wie das Parfüm einer Rose. Geiger berichten, daß sie sich auch anerkannt große Geigen erst "gefügig" machen mußten -- indem sie so lange auf ihr spielten, bis der Ton ihrem Ohr paßte. Man kann sagen, ihre Geige hat sich ihrer bemächtigt.

12. Noch deutlicher ausgedrückt: der "geheime" Klang des Stradivari gründet sich auf eine durch Hypnose bewirkte Geistesverfassung. Ganz besonders wenn man ein Vermögen ausgegeben hat, ist man davon überzeugt, daß der Klang von unübertrefflicher Schönheit ist...und falls dem nicht so ist, sollte er es gefälligst sein!
13. Zu dem Thema Klang und Preis beachte man folgendes. Vuillaumes "Messias" (heute ist sie im Ashmolean Museum in Oxford, England, ausgestellt) ist wahrscheinlich die teuerste Geige die existiert. Da sie selten gespielt wird, ist sie in neuwertigem Zustand. Beachten Sie aber, zu welchen Schlußfolgerungen uns das zwingt. Der Klang der Geige -- kaum aufgeführt, selten gehört -- kann unmöglich für den Geldwert der "Messias" verantwortlich gemacht werden. Das tun ganz allein der Name und der Zustand!
  • TATSACHE: Bei der Geige ist das Hervorbringen und der Empfang von Tönen immer das Ergebnis des summierten Zusammenwirkens von vier Grundbestandteilen: 1) der Spieler, 2) die Geige, 3) der Bogen, 4) die Umgebung.
14. Sobald irgendeiner dieser vier Grundbestandteile verändert wird, wird unvermeidlich auch der Klang "der Geige selbst" verändert. Darüberhinaus haben wir noch mit einer zusätzlichen Komplikation zu rechnen. Jeder dieser vier Grund bestandteile kann sich in mehr als einer Form verändern, man kann sagen, er kann in Unterbestandteile aufgeteilt werden -- So wird der Weg frei für tausende von möglichen Variationen den Ton betreffend.

15. 1) Jeder Spieler ist einmalig. Er zeigt einen Grad der Technik der linken oder rechten Hand sowie einen Grad der Musikalität die nur ihm oder ihr zu eigen ist -- welche ganz und gar individuell ist. Daher mag eine bestimmte Geige dem einen Musiker liegen, dem anderen nicht. Außerdem könnte der einzelne Musiker besonders beeinflußt werden, weil er bestimmten Klangerfordernissen unterworfen ist wie: Kammermusik, Jazz, Hillbilly, Orchestermusik usw.

16. 2) Die Geige selbst kann tonlich verändert werden, und das auf hunderterlei Weise. Wichtig ist dabei jedoch zu beachten, daß diese Veränderungen sowohl ethisch als auch unethisch bewirkt werden können. Unethische Veränderungen sind Änderungen die die fundamentale Architektur eines Instrumentes zerstören und somit auch den Sammlerwert. Darin eingeschlossen sind die verschiedenen Möglichkeiten des Dünnermachens: der Decke, des Bodens, und/ oder der Zargen einer Geige, um für eine kurz begrenzte Zeit ihre Ansprache und Lautstärke zu erhöhen. Solche Änderungen laufen auf "Ausschlachten" (wie es üblicherweise genannt wird) des inneren Wölbungsstärkenmusters hinaus. Diese Veränderungen und ihre Folgen wurden ausführlich in der Ausgabe des REUTER'S FOCUS REPORT vom Sommer 1985 behandelt. Das Nachschneiden der F-Löcher verändert auch den Klang eines Instrumentes, aber -- zufolge der Wirkung auf den ursprünglichen Entwurf -- wird solche Vergrößerung als unethisch angesehen, genau wie das "Ausschlachten". Ethische Änderungen berücksichtigen im Gegensatz dazu die ursprüngliche Bauweise bzw. den Entwurf. Am gebräuchlichsten sind: das Korrigieren des Winkels von Griffbrett und Decke, die Art und das Eichmaß der Saiten wechseln, das Aufschneiden eines neuen Steges oder das Einpassen und das Korrigieren des Stimmstockes, Neueinsetzen des Halses, der Mensur, des Baßbalkens, des Loches für den Saitenhalterknopf usw. Ganz gleich ob nun eine Veränderung ethisch oder unethisch ist, jede Änderung ermöglicht fast unbegrenzte Variationen -- von denen wiederum jede einzelne Auswirkungen auf den Klang des Instrumentes hat.

17. 3) Der Bogen ist genau so einmalig wie der Spieler und die Geige. Jeder unterscheidet sich vom anderen im Gewicht, der Ausgewogenheit, der Flexibilität und der Fähigkeit zurückzuspringen -- und jeder Unterschied wirkt sich auf die Tonproduktion aus. Ein Bogen mag für einen gewissen Spieler (mit besonderen Interessen, Absichten und Fähigkeiten) alle erwünschten und erforderlichen Eigenschaften haben, für einen anderen jedoch unpassend sein. Gewisse Bögen passen sich den Erfordernissen einer gewissen Art Musik besonders gut an -- auch gewissen Komponisten und Kompositionen.

18. 4) Die Umgebung, die akustischen und klimatischen Umstände in denen eine Geige gespielt wird beeinflussen unweigerlich die Art wie sie klingt. Außerdem wird auch der Empfang oder die Wirkung des Tons -- bestimmt durch die jeweilige Umgebung -- vom Spieler in einer bestimmten Weise empfunden doch den Zuhörern in einer anderen. Welches sind nun die deutlichsten Unterschiede? Der Spieler empfängt akustische und mechanische Impulse, während die Zuhörer lediglich die akustischen Impulse empfangen. Das ist aber noch nicht alles. Jeder Reiz, den wir mit unseren Sinnen wahrnehmen (hören, sehen, fühlen usw.) wird subjektiv gemessen, hat eine persönliche Beziehung. Ein Ton kann "angenehm" oder "unangenehm" sein, ich mag ihn oder nicht. Er ist nicht im einfachen oder wissenschaftlichem Sinne wirklich "gut" oder "schlecht". Um den Ton einer Geige auf wissenschaftlichem Wege als "gut" oder "schlecht" abzustempeln müßte man -- mit Zustimmung der Öffentlichkeit -- ein objektiv meßbares Merkmal für Tonqualität festsetzen (ein Merkmal oder Kriterium von dem ausgehend man kleinste Grade der Abweichung beweisen könnte).

19. Wie dem auch sei, ich möchte diesen Abschnitt unserer "MYTHOLOGIE" gerne mit einem angedeuteten Vergleich beenden. Angenommen jemand geht auf eine Kunstmesse oder in eine Galerie um ein schönes Gemälde zu kaufen. Nehmen wir ebenfalls an, jemand ist auf der Suche nach echter, visueller Schönheit -- ohne auf die Namen der Maler, die Preisschilder oder die "nobel" wirkende Umgebung zu achten. Jeder von uns mag etwas Gutes aussuchen und dann tief zufrieden mit der billigsten Leinwand sein.
  • MYTHOS III: Das Geheimnis Geigen zu bauen -- d.h. sie so wie Stradivari zu bauen -- ist verlorengegangen, es ist ein Geheimnis.
  • TATSACHE: Die Kenntnis davon, wie man eine Geige baut, kann zurückver folgt werden zu den physikalischen Gesetzen und architektonischen Grundsätzen welche Stradivarius in seinen bemerkenswerten Schöpfungen verwirklichte. Sie sind seit Generationen allgemein zugänglich (sowohl in praktischen als auch theoretischen Ausmaßen).
20. Hier kann ich meinen Stand auf eine ziemlich einfache Weise erklären -- ich brauche mich nur auf das Wörterbuch zu beziehen. Wir wollen einmal betrachten was unter den Hinweisen zu "Geheimnis" des Geigenbaus, "Geheimnis" des Stradivari und ähnlichem steht. Webster's "Drittes Neues Internationales Lexikon" erklärt das Wort "Geheimnis" auf dreierlei Weise:

1a: Etwas Verborgenes: ein unerklärlicher oder unerforschlicher Vorgang oder Tatsache.
1b: Etwas das vor dem Wissen anderer verborgen wird, jemandes Privatkenntnis, oder etwas das man nur wenigen Personen anvertraut.
1c:
Eine Methode, Formel oder ein Vorgang, der in der Kunst oder beim Betreiben einer Manufaktur verwendet wird und nur unter den Leuten der eigenen Gesellschaft und des eigenen Gewerbes bekanntgemacht wird.

21. Die jenigen, die viel Wesen (und oft einen beträchtlichen Profit!) aus dem "Geheimnis" des Stradivari usw. machen, werden deutlich überführt der einen oder beiden der ersten zwei Definitionen zu entsprechen, -- zumindest was ihr Bemühen betrifft andere zu veranlassen ihnen zu glauben. "Verborgen" und "unerforschlich" sind immerhin gewichtige Worte. Räumen wir der dritten Definition (lc) eine ganz geringfügige Abänderung ein, so wird entmystifiziert und geklärt was wirklich "geheim" an dem "Geheimnis" ist, das wir mit Stradivarius verbinden. Dieses Geheimnis lautet "eine Methode, Formel oder ein Vorgang, der in der Kunst oder beim Betreiben einer Manufaktur verwendet wird und in erster Linie von Leuten der eigenen Gesellschaft oder des eigenen Gewerbes verstanden wird." Kurz dieses "Geheimnis" ist eine vielschichtige Kunst -- eine Kunst die Meister über Generationen an Lehrlinge weitergegeben haben, größtenteils durch die Zünfte. Wir wollen auch daran denken, daß der Meister nie ein Meister wäre, wäre er nicht Meister einer Kunst und würde er sie darüber hinaus nicht sowohl praktisch als auch theoretisch beherrschen.
22. Zusammenfassend möchte ich mich noch über diesen Punkt auslassen. Tatsächlich fallen Geigenbauer in zwei unterschiedliche Kategorien, Imitatoren und Urheber.
23. (1.) Der Imitator baut in Wirklichkeit Modelle, er kopiert ein geschaffenes Vorbild in allen Einzelheiten. Er versucht das Material, die Maße, den (architektonischen) Entwurf und das Äußere des Vorbilds getreu nachzuahmen -- da vielen, einschließlich in Frage kommenden Käufern für das Instrument die Grundkenntnisse fehlen. Fälschlicherweise bilden sie sich ein, daß Dinge die gleich aussehen auch genauso funktionieren müssen. Nun ist der Imitator, der Hersteller, der sich auf die Unkenntnis der breiten Masse verläßt, im allgemeinen auch selbst unzulänglich was das Verständnis kritischer theoretischer Fakten angeht -- wie tragisch! Er versteht nicht in allen Einzelheiten die Dynamik und Mechanik der Wirkungsweise einer Geige. (Er ist mit einem sogenannten Automechaniker zu vergleichen, der nur weiß, daß eine Maschine Öl braucht und daß die Bremsflüssigkeit eine konstante Höhe haben muß.) Wie verbirgt solcher Hersteller seine Unzulänglichkeiten? Durch psychologisches Berufen auf das "Geheimnis", das "Mysterium", das Rätsel um alte, antike Geigen.
24. (2.) Der Urheber ist glaubenswürdigerweise ein Erbauer, der sich durch Kenntnis und Beherrschung auf theoretischem wie praktischem Gebiet auszeichnet. Es ist nicht nötig, die Arbeit eines Erbauers "ins rechte Licht zu rücken" durch Hinweise auf unsinnige "Mysterien". Die Arbeit selbst, geleitet von künstlerischen und ethischen Beweggründen die das Werk eines wahren Herstellers ausmachen ist genug. Denn der echte Hersteller versteht und verkörpert die wesentlichen physikalischen Gesetze und architektonischen Grundsätze durch jede Geige die er erbaut. So bringt er ein Instrument hervor, welches "ungezwungen" auf allen Saiten, in allen Lagen spricht, welches ausgeglichen und modulationsfähig ist und einen abgerundeten Ton hat. Und endlich krönt er jede seiner Schöpfungen durch seine Meisterschaft als Holzschnitzer.
25. Ist es nicht augenscheinlich, daß die Tatsachen des Geigenbaues viel stichhaltiger sind als die widersinnigen Fabeln und die angeführten "Geheimnisse" die manchmal an ihre Stelle treten -- daß die Große Geigen Mythologie so sehr sie auch die uns allen gemeinsame Eigenschaft der Leichtgläubigkeit anspricht, weit weniger erstaunlich ist, als die andauernden Tatsachen der beständigen, ehrwürdigen Kunst des Geigenbauers?

Back to Top