REUTER'S FOCUS REPORT
English Report Summaries -- Available German Titles


RIN:044

ENDLICH ENTDECKT:
DAS "GEHEIMNIS" DES
STRADIVARI
 Copyright © Fritz Reuter and Sons, Inc. 1986, 1996-2000 All rights reserved
By Fritz Reuter, Jr.

"Hat die Wissenschaft das Jahrhunderte Alte Geheimnis des Geigenbaus Gelüfted?" So lauted die Neugier erweckende Titelfrage einer weitverbreiteten Geschichte der Chicago Tribune (15.ApriI 1984). Obwohl diese Geschichte kaum etwas anderes als eine Wiederholung des im vergangenen Monat im Science, 84 erschienenen Stückes von Joseph Alper ist, wurde sie als etwas so Hervorragendes aufgenommen wie normalerweise nur wirklich aktuelle Themen. Vervollständigt mit farbigen Darstellungen erschien sie in der Sonntags Tribune's "Morgen" Rubrik als Leitartikel.
2. Die Frage ist scheinbar tiefgründig und harmlos. Wir neigen dazu die Wissenschaft als etwas anzusehen, das sich ausnahmslos mit Dingen von großer Wichtigkeit befaßt. Ja, mit erwiesenen Kenntnissen, Gesetzen die man durch genaue Beobachtungen festlegte und die man durch sorgfältige Analyse bestimmte. Wem kann man demnach zum Vorwurf machen, daß er durch ein "jahrhunderte altes Geheimnis" angelockt wird -- auch wenn das "Geheimnis", obwohl so alt wie die Kunst des Geigenbaus, kaum als solches bezeichnet werden kann? Die ständige Wiederkehr jahrhundertealter Geheimnisse erweckt den Eindruck das Hauptthema eines offensichtlichen Komplotts zu sein.
3. Zugegeben, das Komplott hat viele Spielarten -- so viele wie Personen,die von sich behaupten das Geigenbauen als Hobby zu betreiben: Dr. Joseph Nagyvary (den Lesern von Science, 84 bekannt), Professor Jack Fry (im öffentlichen Fernsehen Nova für Millionen zu sehen), Frau Carleen M Hutchins (hauptsächlich durch das Ansehen berühmt, das sie Scientific American's verdankt) und andere. All diese, Männer und Frauen, rühmen sich sowohl Aufklärung und Freude durch das "Verhaltungsstudium" von Geigen zu finden. Fast ohne Ausnahme streben jedoch alle danach durch Medien gefeierte Persönlichkeiten zu werden. Hier beginnt man nachzudenken. Sind diese Personen vielleicht doch nicht in erster Linie an Geigen interessiert, sondern vielmehr an dem Verhalten des "vernunftbegabten Menschen", der mit Geigen in Berührung kommt?
4. Betrachten diese Menschen eine Geige als nichts anderes als eine "Stimulanz, die es ihnen ermöglicht -- nachdem sie mit dem Studium der Ergebnisse ihrer Verhaltungsforschung fertig sind -- Anspruch auf eine neue Entdeckung zu erheben? Um ein pseudowissenschaftliches Sprichwort anzuführen: Ein gebildeter Narr ist der größte Narr?
5. Wahre Meister, deren Interesse am Geigenbau rein beruflich ist, betrachten solche "Verhaltungsforscher" mit echtem Entsetzen. Muß ihr Verhalten nicht unglaubliche Bitterheit auslösen? Nach allem sind diese Forscher solche, die
  • wiederholt Das Große Geheimnis der Geigen oder Das verlorene "Geheimnis" des Stradivari wiedereinführen (immer ein großer Publikumserfolg, der zuverlässig viele Oh's und Ah's auslöst und auf diese Weise Untersuchungen der Reaktion der breiten Masse ermöglicht)!
  • zum besonderen Studium für eine begrenzte Gruppe, das absurde Märchen verbreiten in dem das Altern einer Geige gleichgesetzt wird mit zweckmässiger Verbesserung...anstatt mit deutlich zu Erkennendem: dem Verfall!
6. Das Verhalten dieser "wissenschaftlichen Forscher" selbst ist ein Schauspiel, wert betrachtet zu werden.

7. Sie operieren oft von gut gesicherten Stellungen aus in "Akademia", noch dazu werden sie durch die allgemeine Unkenntnis des Publikums auf wissenschaftlichem Gebiet sowie dessen arglose Toleranz geschützt, wenn es um zweifelhafte "fachliche" und "akademische" Fragen geht. So wagen sie sich auf das Gebiet der öffentlichen Meinung. Das Fernsehen und eine kritiklose Presse heißen sie willkommen, besonders wenn sie mit ihren akademischen Empfehlungsschreiben auftrumpfen und ihre Reihen von computergespeicherten wissenschaftlichen Entdeckungen vorführen. Mit sensationellen Behauptungen, nicht bereit sich dafür zu verantworten, erwecken solche Gelehrte den Eindruck, sich der Lösung alter mysteriöser Rätsel zu nähern. Natürlich versäumen sie es, wenigstens eine wesentliche Tatsache zu erwähnen. Sie enthüllen nicht, daß diese Fragen in ihrer authentischen Form schon lange gelöst worden sind... daß die vermeintlichen "Mysterien" nichts anderes als Pseudoprobleme sind. Ab und zu gelingt es diesen "wissenschaftlichen Abhandlungen" nicht vorhandener Probleme in seriöse Fachzeitschriften aufgenommen zu werden. Doch hat das wenig mit echter Wissenschaft zu tun. Es hat zu tun, und das zu einem großen Teil, mit dem Erlangen staatlicher Zuschüsse und finanzieller Unterstützung durch besondere Stiftungen, die ihnen zufließt. Es scheint sehr wirkungsvoll zu sein diese durch Medien verbreitete Schau stets interessant zu erhalten, ständig neu, ständig AKTUELL.

8. Im allgemeinen dient eine Schau lediglich der Unterhaltung, so übertrieben und albern sie auch sei. Normalerweise betrachten wir sie nicht als schädlich. Jedoch das Große Geigen Geheimnis ist weniger harmlos als die berühmte Fälschung, die uns beim Piltdown Menschen in den Sinn kommt, denn es ist ein übler Trick mit schwerwiegenden Folgen.
9. Sobald "geheime Studien" in angesehenen Zeitschriften veröffentlicht worden sind, sieht man sie als "wissenschaftlich" an. Folglich werden alchemistische Verfahren -- gedruckt und verbreitet -- ernst genommen. Statt daß man darüber lacht und sie wie "Science-fiction" betrachtet, werden sie nachgeahmt. Die Nachahmer, Personen die unerfahren in der alten Kunst des Geigenbaues sind und die sich der überlieferten ethischen Gebote der Zünfte nicht verpflichtet fühlen, ziehen aus, um die Instrumente, die in ihre Hände fallen "wiederherzustellen" und zu "verbessern". Sie schaben und vermindern das Innere der Geigendecken und Böden. Sie weichen die gleichen einst so resonanten Platten in verschiedene chemische (z.B. "alchemistische"!) Lösungen -- alles der "Verbesserungen" wegen, welch eine Täuschung! Solche Vorgänge werden als "Enhanced Natural Decay" (Beschleunigung des natürlichen Verfalls) bezeichnet (siehe REUTER'S FOCUS REPORT, Sommer 1985 für eine ausführliche Beschreibung). Die Ausführenden mögen schuldlos sein, die Ausführungen selbst sind es nicht. Tatsächlich sind durch das Beschleunigen des natürlichen Verfalls zahlreiche, wertvolle, seltene Geigen zerstört worden. Der Wert dieser Instrumente als Geldanlage, ganz zu schweigen von dem Nutzen für den Spieler, ist hoffnungslos gesunken. Zum mindesten wurden ahnungslose Liebhaber von Antiquitäten tatsächlich beraubt, ihre geschätzten Besitztümer wurden um Millionen entwertet.
10. Geschickte, scherzhafte Forschungsprogramme sind eine Sache. Zerstörende Angriffe auf eine der besten, kompliziertesten Schöpfungen menschlicher Erfindungsgabe, die von einer edlen künstlerischen Herkunft zeugt, ist etwas anderes. Mit nichts zu entschuldigen. Wir wissen, wohin solche Anleitungen und Ausführungen führen. Kann man sich noch wundern, daß Geigenkenner inständig darum bitten, diese Experimente zu ihrem wohlverdienten Ende kommen zu lassen?
11. Im Gegensatz zum Scheinwerferlicht und den Sensationen der Medien, haben Geigenmacher laufend ernste Fachliteratur veröffentlicht:
  • In "Das Geheimnis des Stradivari" (1979) enthüllt Simon F. Sacconi unter anderem die Vielschichtigkeit die die außergewöhnliche Schönheit des alten Cremoneser Lackes erklärt, insbesondere den des Stradivari.
  • Und Hans Rödig in "Geigenbau in neuer Sicht" (1962) erklärt im einzelnen die zweckmäßige, mechanische und pneumatische Arbeitsweise einer Geige. Tatsächlich entdeckte er den "Rödig Effekt" -- der ihm zu ehren so benannt wurde. Dieser Effekt wurde von Helmholtz in seinen früheren Studien über das Verhalten von Saiten - schwingungen ganz übersehen. Diese neuerlangte Erkenntnis ersetzte die meisten der bislang geltenden Theorien die Arbeitsweise der Geige betreffend.
12. Der Wahrheit entsprechen jedoch die physikalischen Gesetze, indem sie den sich ständig wiederholenden ritualen Possen medienzugeneigter Darsteller den "Gnadenstoß" geben. Mehr als alles andere stellen sie wirksam den ganzen zur Schau gestellten Firlefanz bloß. Wieso? Der gesunde Menschenverstand sowie die Lehre der Entropie die im 2. Satz der Thermodynamik behandelt wird, beantworten die Frage ganz einfach. Was Entropie ist, ist nicht schwer zu verstehen, ob wir nun von Geigen oder Autos sprechen. Es ist der Zerfallsprozess, die "Abnutzung" -- die besonders leicht in Maschinen, einschließlich Geigen, beobachtet werden kann. Schließlich ist auch die schönste und wohlklingenste Geige im Grunde nur eine mechanische Erfindung. Und Maschinen -- ob Autos, Oboen, Uhren oder Geigen -- verfallen und nutzen sich im Laufe der Zeit ab. Bis zu einem gewissen Grande sind Reparaturen möglich und wünschenswert. Aber jeder von uns weiß (sogar die Wissenschaftler!) daß keine Maschine auf wundersame Weise mit dem Alter besser wird.
13. Es mag unromantisch klingen, sogar roh. Aber wir wollen einmal versuchen, das allen Geigen Gemeinsame vom physikalischen Standpunkt aus zu beschreiben:

Die Geige ist ein Gebrauchsgegenstand, sie besteht aus einer organischen Substanz (Holz) und reagiert auf verschiedene Impulse -- ausgeführt von dem Spieler durch den Gebrauch des Bogens -- die einen mechanischen, Luft komprimierenden Vorgang bewirken. Dieser verursacht wiederum einen akustischen Effekt (Klang).

14. Kurz gesagt, die Geige ist ein komplexes Instrument. Sie ist stofflich, aus Materie gemacht. Folglich kann das Prinzip der Entropie auf sie angewandt werden, ein Prinzip das sowohl für den allgemeinen Verstand als auch für die Wissenschaft einleuchtend genug ist. Die Geige ist der natürlichen Tendenz unterworfen unweigerlich vom hochgeordneten Zustand in einen niedrigeren zu verfallen. Dieser Prozeß kann sich zwar über eine lange Zeit ausdehnen, doch muß jede neue Geige -- und jede Stradivari war einmal neu! -- schließlich wieder zu den Grundelementen zurückkehren. So gesehen ist es wie bei jedem anderen materiellen Gegenstand im Universum.
15. Welche Schlußfolgerung kann man aus all dem ziehen? Vor allem, was ist für Liebhaber guter Geigen und Spieler von besonderem Interesse? Folgendes ist offenbar:
  • Das Ausmaß des Zerfalls einer unbelebten organischen Substanz (z.B.Holz) in feste Elemente wird durch die Faktoren von Zeit und Umwelt bestimmt (Abnutzung u.s.w.).
  • Der Zerfall einer Substanz, einschließlich Holz, verursacht ausnahmslos und unweigerlich auch den Verfall von allem das aus dieser Substanz gemacht wurde -- die Struktur, die Funktions -- und die Gebrauchsfähigkeit.
  • Der Zerfall einer Struktur, der Funktions -- und Gebrauchsfähigkeit verursacht bzw. bedeutet Zerfall der Wirkung (z.B. auf den Klang oder Ton einer Geige).
16. Können wir daher wirklich sagen, daß die Wissenschaft jahrhunderte alte "Geheimnisse" des Geigenbaus gelüftet hat? Unbedingt! Und dabei sprechen wir nicht von Science-fiction. Die wahre mechanische und physikalische Wissenschaft, verbunden mit architektonischer Beherrschung sowohl in Theorie als in der Praxis der Kunst des Geigenbaus, hat diese Geheimnisse schon lange entdeckt. Es hat nicht nur den großen Antonius Stradivarius hervorgebracht, sondern seit seiner Zeit hunderte von weiteren meisterlichen Künstlern.
17. Wodurch unterscheiden sich nun diese produktiven Meister des Geigenbaus von denen, die munter das Hobby einer betrügerischen "Verhaltungsforschung" pflegen und von großzügigen Unterstützungen leben? Natürlich durch viele Dinge. Die meisten sind bereits durch die vorhergehenden Betrachtungen deutlich gemacht worden. Was hier besonders betont werden soll ist das aufrichtige Verantwortungsgefühl des Meisters dafür ein Bewahrer zu sein, verbunden mit Wissensdurst und einem hohen Maß an Vernunft. Diese Dinge mögen sehr einfach erscheinen. Doch sind es gerade diese Tugenden, die einem nie in den Bastionen anmaßender Intelligenz und erfundener Wissenschaft geboten werden -- in diesen munteren "Lehranstalten" wo das delikate Geheimnis des Stradivari geschützt werden soll, welches der Kern so vieler reiner "Unterhaltungsromane" und Experimente ist. Wir geben zu, es ist ein Geheimnis, das einen Schutz sehr nötig hat... genau weil das Geheimnis des Stradivari in seinem innersten Wesen überhaupt kein Geheimnis ist. Laßt uns daher sagen: "Schade -- es war unterhaltsam, ja, sogar erheiternd für einige, die Märchen und solche Geschichten lieben -- die sich mit dem Geheimnis des Stradivari befassen -- welches KEINES war."

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